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Nachruf auf Sepp Keller beim Gottesdienst in der Pfarrkirche Murnau am 4.November 2010

Franz Pittrich, 1. Vorstand „Verein zur Erhaltung des Murnauer Schäfflertanzes e.V.“

 

Lieber Sepp,

oft sind wir zwei hintereinander auf dem Fassl gestanden, und ich hab gern naufg‘schaut zu Dir, und hab Deine Versl‘n zuaghocht. Jetzt steh i da – und weiß net genau, wo i hischaun soll: auf Deinen irdischen Teil, umgeben von Deine Schaffler, Deiner Familie, Deine Freund – oder nach oben, wo Dei Geist, Deine Seele is – oder auf uns alle, wo de Erinnerung an Dich in uns alle is.

Erinnerungen an Dich gibt’s viele – und i könnt lang erzählen. Mia hatten dann aber zwei Probleme: erstens warn wir dann morgen no da, zweitens würden wir dann sicher lachen, und das beim Begräbnis... Aber wir sind nicht nur da, um zu trauern. Wir sind auch da, um Dich zu feiern mit Deinem vielfältigen Lebenswerk.

Deine Angehörigen haben es in der Todesanzeige zum Ausdruck bracht:

„Über 90 Jahr auf dieser Welt – ging ich mit Freud durchs Leben.

Nun hat mich Gott zu sich bestellt, die ewige Ruh wird er mir geben.“

Mit Freude bist Du durchs Leben gegangen, 91 Jahre ruhelos und hast viel bewegt, privat wie öffentlich. 60 Jahr davon haben Deine Schaffler gehört – und wärst Du nicht so lange in Krieg und Gefangenschaft gewesen, wär es wahrscheinlich noch mehr gewesen. Wir sehen’s am Sterbebild: vorn bist Du als Fasskasperl drauf, und das war Dein persönlicher Wunsch.

Lieber Sepp, in 3 Dingen warst Du uns Vorbild:

1. Humor – 2. Sinn für Gemeinschaft – 3. Interesse & Engagement

Dein Humor:

Du hättest auch verbittert sein können, wenn einem Krieg und Gefangenschaft 10 Jahre von da Jugend nehmen. Aber Du warst anders, und das hat mich tief beeindruckt.

Als ich Dir bei Deinem 85. Geburtstag Dei Bücherl von 1971 „meine Kasperlverse“ hingelegt hab damit Du es mir signierst, hast Du g‘sagt „lass es mir da“. Du hast es signiert: „in lieber Freundschaft – Sepp Keller“ – und Du hast ein Foto eingeklebt, das Dich 1950 als Fasskasperl zeigt, und Du hast reingeschrieben

1.4.1939 Soldat

15.09.1949 aus Russland heimgekehrt

Schäfflertanz 1950: Fasskasperl !

Hinter das Wort Fasskasperl hast Du ein dickes Ausrufezeichen gesetzt – das Ausrufezeichen bist Du gewesen! Du hast Deine Lebensfreude hinaus gerufen in de Welt, Diene Lebensfreude, Deinen Humor!

Aus einem Bild von Dir – aufgenommen an Deinem 2. Tanztag, dem 15. Januar 1950 beim Tanz für den Oberen Weißen, spricht so viel von der Dynamik und Lebenslust, so dass es Frau Dr. Salmen ausgewählt hat als Titelbild für die Sonderausstellung „(Un)fassbar. 150 Jahre Schäfflertanz in Murnau.

Es zeigt Dich abgemagert, aber wieder daheim – i glaub, wir können das alle nicht nachempfinden, wie es damals war. Alle hat das bewegt - am 8. Januar bei der Eröffnung habt ihr 5000 Zuschauer gehabt, da läufts einem kalt den Rücken runter – so viele waren‘s nie wieder.

Wenn ihr damals nicht wieder begonnen hättet, und ich denk, ihr hattet damals andere Sorgen als auf der Straße rumzutanzen, wer weiß, ob es den Schafflertanz dann überhaupt weiter in Murnau gegeben hätte. Euch haben wir zu verdanken, dass es den schönen Brauch heute noch in Murnau gibt, und dass wir letztes Jahr 150 Jahre feiern konnten.

Du hast dieses „Lebensgefühl Schafflertanz“ beim Reifenbruch 1985 in Versln gefasst:

"Schafflatanz ist nicht nur das,

was zu verstehen ist als Spaß.

Die Melodie alleine schon

wirkt wie eine Injektion.

Diese „Injektion“ Freude und Spaß hast Du vielen verpasst, und Du selbst hast auch eine „Injektion Schafflerblut in Dir: Dei Großvater hat bei meinem Urgroßvater das Schafflerhandwerk gelernt.

Eine Sache beim Schafflertanz verdanken wir Dir in ganz besonderer Weise: die Fassreden in Reimform. 1929 gab es sie nur vereinzelt, 1950 hast Du sie zum Stilmittel erhoben. Das ist eine Sache, die den Murnauer Schäfflertanz besonders macht: die persönliche Note, auf die Tanzgeber einzugehen, und auch die Reifenschwinger mussten da natürlich nachlegen.

Du hast die Kunst des Reimens meisterhaft beherrscht – das Fingerspitzengefühl, die die Situation zu treffen, witzig, aber nicht verletzend zu sein. Dabei hattest Du prominente Ziele, die durchaus redegewandt waren: zum Beispiel die Bayerischen Ministerpräsidenten Goppel, Strauß und Streibl.

Am Nachtkasterl hast Du einen Notizblock liegen gehabt – Du bist nachts aufgewacht und hast eine Idee niedergeschrieben, zur „Freude“ Deiner Frau – oft bist Du dann aufgestanden und hast weiter geschrieben. Es gibt Fotos, die Dich dichtend an Hauswand zeigen, schreibend auf dem Autodach.

Neun Tanzjahre und zwei Schäfflerfeste – 100 Jahre und 150 Jahre – hast Du als Fasskasperl mitgestaltet – ungezählte Auftritte – manchmal auch noch spät abends – waren die Folge. Sechzig Jahre warst Du für den Schäfflertanz aktiv, die Schäffler waren ein wichtiger Teil von Deinem Leben.

Du wurdest ausgezeichnet mit dem Ehrenzeichen des Vereins, Du warst Ehrenmitglied, erhieltest Ehrenteller des Marktes Murnau und des Landkreises. Auf Initiative unseres Landrates erhieltest Du von Staatsminister Schneider am 12. Juli 2009 das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten und bist am Nachmittag in der Ehrenkutsche beim großen Festzug mitgefahren.

Auch mit Deinem Sinn für Gemeinschaft, lieber Sepp, bist Du uns Vorbild.

Du warst Gemeinderat, Waisenrat, Bürgermeister von Weindorf. Du warst in vielen Vereinen aktiv: bei der Feuerwehr, im Trachtenverein, Veteranenverein, lange Jahre im Staffelseechor, warst im Förderverein des Jugend- und Blasorchesters. Auch als Hochzeitslader und als Ansager hast Du Dich eingebracht.

Und natürlich warst Du auch Gründungsmitglied des „Vereins zur Erhaltung des Murnauer Schäfflertanzes“. Als es darum ging, aus der sich alle sieben Jahre spontan zusammenfindende Gruppe eine Gemeinschaft zu bilden, die auf lange Sicht die Zukunft des Tanzes in Murnau sichert, hast Du Dich eingebracht.

Du hast auch stets dafür gesorgt, dass Jung und alt zusammenwachsen: meine erste Tanzsaison war Deine sechste – und Du bist auf uns Junge zugegangen, so dass wir schnell „ein Haufen“ wurden und da nicht „die einen“ und „die anderen“ waren.

Du hattest auch ein großes Herz für Kinder, nahmst Dir Zeit und hast Geschichten erzählt.

Der dritte Punkt, in dem Du uns Vorbild bist: Du warst immer aktiv, immer interessiert. Einer deiner Sprüche in späteren Jahren war: „s Gangwerk tuat nimma, aber s Maul geht no!“

Du hast Dich intensiv für als Heimatforscher Ortsgeschichte interessiert, hast alte Fotos gesammelt, alte Häuser fotografiert, Dein Fundus bereichert heute Marktarchiv und Schlossmuseum.

Und als wir zu dritt – Du, Frau Dr. Salmen und ich - durch die Sonderausstellung im Schlossmuseum fuhren, hast Du uns zu jedem der Murnauer Bilder Deine Geschichten erzählt, wir haben Dir über München und Nürnberg erzählt und wir haben spannende zwei Stunden verbracht.

Lieber Sepp, Du hast uns bewiesen: Für Humor gibt es keine Altersgrenze. Humor hilft uns, das Leben zu bewältigen, wenn man nicht nur über andere,sondern auch über sich selbst lachen kann.

Das Einzige, was wir bei einem Problem wirklich in der Hand haben, ist unsere Reaktion darauf. Und da sind frischer Mut und Humor immer noch die beste Antwort.

Es ist für uns Menschen ja schwierig, eine Vorstellung vom Himmel zu haben. Aber wenn die Künstler, die unsere wunderschöne Murnauer Kirche ausgeschmückt haben, recht hatten, dann wirst Du wahrscheinlich, nachdem Du uns zugehört hast, de Engerl da droben Deine Witz erzählen.

Lieber Sepp, wir begleiten jetzt den irdischen Teil von Dir auf das letzte Stück Weg. Wir sind dankbar, dass es Dich gab, und dass wir Deine Freunde sein durften.

Vergelt’s Gott, Sepp – Deine Schaffla.